Eine Welt ohne Grenzen

In jüngerer Vergangenheit hat Immigration die politische Debatte vieler Industrienationen auf spektakuläre Art und Weise bestimmt. Trotz der allgemeinen Flut populistischer Tendenzen wurde in der jüngsten Ausgabe von Foreign Affairs ein kurzer aber überzeugender Artikel veröffentlicht, der sich für offene Grenzen ausspricht. Der Autor Nathan Smith hat sich auf Immigrationspolitik spezialisiert. Obwohl er sich als selbst als konservativ bezeichnet, ist er überzeugter Fürsprecher der Personenfreizügigkeit.

Smith: Das Ende von Migrationskontrollen würde einen Zuwachs von Freiheit bedeuten, globale Armut senken und das Wirtschaftswachstum ankurbeln.

Der Kern von Smiths Argumentation ist, dass „das Ende von Migrationskontrollen einen Zuwachs von Freiheit bedeuten, globale Armut senken und das Wirtschaftswachstum ankurbeln würde“. Offene Grenzen würden etwa 640 Millionen Menschen zur Auswanderung bewegen, wodurch der Wert von Grundeigentum steigen, der Preis von arbeitsaufwändigen Produkten und Dienstleistungen sinken und Aktienkurse nach oben getrieben werden würden. Smith zitiert ökonomische Studien, die davon ausgehen, dass Grenzöffnungen das globale BIP verdoppeln und die Voraussetzungen für ein Wirtschaftswunder, ähnlich dem des 19. Jahrhunderts, schaffen könnten, einer Zeit in der „die meisten Grenzen der Welt frei und ohne Papiere überquert werden konnten.“

Smith warnt jedoch davor, dass die Vorteile der Personenfreizügigkeit womöglich nicht sofort sichtbar würden. In den entwickelten Ländern beispielsweise würde Armut auf kurze Sicht wohl zunehmen. Obwohl extreme Armut weltweit langfristig zweifelsohne dramatisch abnehmen würde, würde ihr Sichtbarwerden wohl zu einer öffentlichen Gegenreaktion führen. Ein weiterer Einwand besteht darin, dass die gewaltigen Migrationsbewegungen die Sozialsysteme des Westens stark belasten könnten. Smith relativiert beide Punkte jedoch, indem er darauf hinweist, dass der dramatische Rückgang globaler Armut das Unbehagen des Westens überwiegen würde. Zudem verweist er darauf, dass offene Grenzen restriktive Migrationskontrollen, Zwangsmaßnahmen, die oftmals „Familie trennen und Menschenleben gefährden“, hinfällig machen würden.

Zunächst erscheint Smiths grenzenlose Welt eher wie ein kontrafaktisches Gedankenexperiment und nicht als eine realistische politische Alternative. Die Washington Post beispielsweise spricht von einem „neuen Zeitalter der Mauern“. Kürzlich zählte sie 63 Grenzbefestigungen, die Länder auf vier Kontinenten trennen – mehr als jemals zuvor.

Smith bringt an, dass der Fortschritt des 19. Jahrhunderts durch nationalistische Stimmungen und zwei Weltkriege zurückgedrängt wurde. Das ist allerdings keine vorbestimmte Entwicklung: Fundierte Argumente wie von ihm könnten den Weg zu einer gerechteren Immigrationspolitik ebnen. „Geschlossene Grenzen sind eine der größten moralischen Fehlleistungen unserer Welt“, wie es der Wirtschaftswissenschaftler Alex Tabarrok in The Atlantic ausdrückte.

Inès Ajimi