Democracy Without Borders

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Wie ein Aufstieg der Autokratien die globale Governance verändert

Participants lining up for a group photo at the BRICS summit in Kazan, Russia, in 2024. Photo: Shutterstock 108 Teilnehmer stellen sich für ein Gruppenfoto beim BRICS-Gipfel 2024 in Kasan, Russland, auf. Foto: Shutterstock

In den vergangenen dreißig Jahren beruhte der Ansatz von Demokratien in der internationalen Zusammenarbeit größtenteils auf der stillschweigenden Annahme, dass sich die Demokratie weiter ausbreiten und globale Institutionen zunehmend liberale Werte widerspiegeln würden. Diese Annahme ist überholt. Nach einem Jahrzehnt demokratischen Rückschritts sind Autokratien mittlerweile zahlenmäßig überlegen und spielen in der globalen Governance keine Randfiguren mehr; sie sind zu zentralen Akteuren geworden, die Institutionen, Normen und Ergebnisse maßgeblich beeinflussen können.

In einem neuen Policy Brief argumentieren wir, dass dieser Wandel die globale Governance subtil verändert, da er selten in Form dramatischer, medienwirksamer Umbrüche auftritt. Stattdessen vollzieht er sich in drei schleichenden Entwicklungen, die jeweils eine spezifische Herausforderung für demokratische Entscheidungsträgerinnen und -träger darstellen.

Institutioneller Drift

Autokratische Regierungen und solche, die demokratische Standards aushöhlen, müssen internationale Organisationen (IOs) selten förmlich „übernehmen“, um deren Arbeitsweise zu verändern. Sie gestalten diese von innen heraus um, indem sie Prioritäten verschieben, beeinflussen, wem Gehör geschenkt wird, und steuern, welche Standards durchgesetzt werden. Wir bezeichnen dies als „institutionelle Drift“: Das formelle Mandat bleibt zwar bestehen, doch die Praxis der Zusammenarbeit wandelt sich schleichend. Der UN-Menschenrechtsrat ist hierfür ein anschauliches Beispiel. Sein Mandat ist unverändert geblieben, aber da immer mehr Staaten, die demokratische Standards untergraben oder autokratische Regime dem Gremium angehören, ist der Anteil der Mitglieder, die für die Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen stimmen, seit 2006 stetig gesunken. Die Mechanismen sind bekannt: Illiberale Regierungen bilden Koalitionen, deuten bürgerliche und politische Rechte als westliche Einmischung um und nutzen Konsens- sowie Vetoregeln, um eine kritische Überprüfung zu blockieren – ein frühes Anzeichen hierfür war die russische Resolution zu den „traditionellen Werten der Menschheit“ aus dem Jahr 2012. Diese Drift vollzieht sich auch über die Mechanismen des Zugangs: So lehnte der UN-Ausschuss für die Akkreditierung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Jahr 2016 das Committee to Protect Journalists ab, wobei Aserbaidschan, China und Russland gegen dessen Zulassung stimmten. Wenn die Zivilgesellschaft jedoch ausgeschlossen wird, schwinden zugleich jene Transparenzkanäle, die internationale Organisationen für Demokratien so wertvoll machen.

Informelle Governance

Ein wachsender Teil der internationalen Zusammenarbeit findet heute außerhalb formeller Verträge und Institutionen statt – etwa in Form von Clubs, Netzwerken und flexiblen Plattformen wie BRICS und G20. Diese können durchaus nützlich sein, da sie die Kosten des Koordinierungsaufwandes verringern, wenn formelle Gremien blockiert sind. Doch genau jene Merkmale, die sie flexibel machen – lockere Regeln, Konsensentscheidungen, begrenzte Transparenz –, ermöglichen den Staaten auch, ihre Verpflichtungen individuell zu gestalten und sich sowohl den rechtlichen als auch den Reputationszwängen formeller Institutionen zu entziehen. Dies macht sie attraktiv für Autokratien, die Normen wie das Nichteinmischungsprinzip und eine absolutistische Souveränitätsauffassung vorantreiben wollen, ohne sie zur Abstimmung zu stellen. Da diese Foren zudem einen eher technischen oder vorübergehenden Eindruck erwecken, geraten sie seltener in den Fokus von Parlamenten, Medien und Zivilgesellschaft; so entstehen blinde Flecken in der demokratischen Kontrolle, während sich über diese Kanäle illiberale Normen verbreiten.

Gegenreaktion auf nationaler Ebene

Die dritte Entwicklung spielt sich innerhalb der Demokratien selbst ab. Die Außenpolitik in Demokratien ist auf die Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen, und die Bürgerinnen und Bürger bewerten nicht jede Form der Zusammenarbeit gleich. Sie unterstützen Kooperationen mit anderen Demokratien deutlich stärker und stehen einer Zusammenarbeit mit Autokratien wesentlich skeptischer gegenüber – teilweise sogar ablehnend. Demokratischen Partnern wird zudem eher Nachsicht gewährt, wenn es bei Vereinbarungen zu Problemen kommt, wohingegen das gleiche Verhalten einer autokratischen Regierung strenger beurteilt wird.

Das ist bedeutsam, weil internationale Zusammenarbeit selten reibungslos verläuft und viele der drängendsten globalen Herausforderungen – vom Klimawandel über bewaffnete Konflikte bis hin zu großflächigen Fluchtbewegungen– zunehmend eine Zusammenarbeit mit autokratischen Staaten erfordern. Je zentraler diese Staaten für die globale Governance werden, desto stärker könnte sich der innenpolitische Handlungsspielraum demokratischer Regierungen genau in dem Moment verengen, in dem dauerhafte internationale Zusammenarbeit besonders notwendig ist.

Was demokratische Entscheidungsträger tun sollten

Das bedeutet nicht, dass liberale Normen zum Scheitern verurteilt sind. Es bedeutet jedoch, dass man nicht mehr davon ausgehen kann, dass sie von selbst Bestand haben; sie müssen aktiv verteidigt werden – sowohl innerhalb von Institutionen als auch in der innenpolitischen Debatte. Wir empfehlen drei Schwerpunkte:

Zusammenarbeit innerhalb internationaler Organisationen stärken. Demokratien sollten ihre Positionen frühzeitig abstimmen, Überwachungs- und Kontrollmechanismen gemeinsam verteidigen und den Zugang gesellschaftlicher Organisationen als strategisches Interesse begreifen – nicht bloß als Höflichkeit. Ziel ist nicht, die Welt in konkurrierende demokratische und autokratische Blöcke aufzuteilen. Internationale Organisationen mit gemischter Mitgliedschaft bleiben der Ort, an dem die meisten globalen Probleme bearbeitet werden. Sich aus ihnen zurückzuziehen würde illiberalen Akteuren lediglich mehr Einfluss auf die internationale Agenda verschaffen.

Informelle Governance aktiv gestalten. Ein Rückzug aus informellen Kooperationsformaten überlässt autoritären Akteuren das Feld, während unkritische Beteiligung die Gefahr birgt, illiberale Normen zu legitimieren. Sinnvoller ist es, diese Formate als umkämpfte politische Räume zu verstehen und dort, wo möglich, Rechenschaftsmechanismen wie Transparenzregeln und Beteiligungsmöglichkeiten für gesellschaftliche Organisationen zu verankern.

Internationale Zusammenarbeit im eigenen Land besser vermitteln. Die Skepsis der Bürger ist nicht in Stein gemeißelt: Die Zustimmung steigt deutlich, wenn die Kooperation mit konkreten Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen verknüpft wird. Dies erfordert eine ehrliche Kommunikation darüber, warum ein solches Engagement – ​​auch gegenüber Autokratien – notwendig ist und welche Kosten ein Verzicht auf internationale Zusammenarbeit mit sich brächte.

Der Aufstieg der Autokratien beendet die internationale Zusammenarbeit nicht. Er verändert jedoch zunehmend, wessen Interessen und Werte diese Zusammenarbeit widerspiegelt. Demokratische Regierungen können liberale Normen weiterhin verteidigen und die künftige Entwicklung der globalen Governance mitgestalten – wenn sie entschlossen und gemeinsam handeln.

Dieser Beitrag fasst den Policy Brief „The rise of autocracies and the transformation of global governance“ (Mai 2026) zusammen. Die vollständige Studie mit Quellen und Literaturhinweisen ist online verfügbar.

Jonas Willibald Schmid
Jonas Willibald Schmid

Jonas Willibald Schmid is a Postdoctoral Researcher at the University of Oslo and Stockholm University