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Konferenz in London diskutiert planetares Regieren

The famous Earthrise photo of the Earth and parts of the Moon’s surface taken from lunar orbit in 1968

Mehr als 25 Rednerinnen und Redner aus der ganzen Welt kamen am Birkbeck College, University of London, zusammen, um zu untersuchen, wie der Planet inmitten der sich beschleunigenden globalen Krisen, darunter Klimawandel, Pandemien, Krieg, künstliche Intelligenz und Ungleichheit, regiert werden sollte. Fachleute, Praktikerinnen und Praktiker sowie Aktivistinnen und Aktivisten boten ein breites Spektrum an Perspektiven, von philosophischen Argumenten über institutionelle Reformvorschläge bis hin zu empirischen Studien. Während sich die einzelnen Perspektiven unterschieden, kristallisierte sich eine gemeinsame Haltung heraus: Die derzeitigen Regelungen greifen zu kurz, und es werden dringend effektivere Ansätze für die globale Governance benötigt.

Von historischen Visionen zu institutionellen Vorschlägen

Die Konferenz wurde von Ian Crawford, Professor für Planetologie am Birkbeck College, organisiert und mit einer Rede der Vizekanzlerin der Universität, Sally Wheeler, eröffnet.

In seiner Grundsatzrede zeichnete der Autor und ehemalige Redenschreiber für Mitglieder des US-Kongresses, Tad Daley, die intellektuellen Wurzeln der Idee einer Weltregierung nach, von Dante Alighieri im 14. Jahrhundert bis zu Internationalisten des 20. Jahrhunderts, darunter einige spätere US-Präsidenten. Er argumentierte, dass die Idee keine utopische Fantasie sei, sondern Teil einer langen politischen Tradition.

Die Unzulänglichkeiten des UN-Sicherheitsrats waren das Thema von Daniele Archibugi, Professor in Birkbeck und Mitherausgeber von Global Democracy: Normative and Empirical Perspectives (2011). Er vertrat die Ansicht, dass eine Erweiterung der Mitgliederzahl des Rates zwar wichtig sei, das Gremium aber nicht effektiver machen würde. Stattdessen forderte er strukturelle Reformen, einschließlich einer Begrenzung des Vetorechts und einer stärkeren Einbeziehung regionaler Organisationen, um die Fähigkeit des Rates zur Friedenserhaltung zu stärken.

Die Rolle der Bürgerbeteiligung wurde von Reema Patel und Aishwarya Machani vom Global Citizens’ Assembly Network aufgegriffen. Sie stellten das Konzept der Global Citizens’ Assemblies vor und wiesen auf die Bemühungen hin, diese zu etablieren, insbesondere im Zusammenhang mit den laufenden Klimaverhandlungen der UNO. Solche Versammlungen sollen institutionelle Vorschläge wie ein globales parlamentarisches Gremium ergänzen und Bürgerinnen und Bürgern eine Rolle bei der Gestaltung globaler Entscheidungen geben.

Viele Vorschläge zielen darauf ab, die UNO demokratischer und effizienter zu machen. Auf dem Bild: Das UN-Hauptquartier in New York. Foto: Shutterstock

Andreas Bummel, Geschäftsführer von Demokratie ohne Grenzen und Mitautor von A World Parliament: Governance and Democracy in the 21st Century (2. Auflage, 2024), stellte einen Entwurf für eine “Zweite UN-Charta” vor, der von einer Studiengruppe im Vorfeld des UN-Zukunftsgipfels 2024 entwickelt wurde. Nach einem kurzen Überblick konzentrierte er sich auf die Aufnahme einer Parlamentarischen Versammlung in das Dokument und stellte fest, dass der Entwurf insgesamt einen Kompromiss zwischen kurzfristigem politischen Pragmatismus und langfristigen normativen Bestrebungen darstellt.

John Vlasto, Vorsitzender des World Federalist Movement-Institute for Global Policy, baute auf dieser Grundlage auf und skizzierte praktische Maßnahmen zur kurz-, mittel- und langfristigen Stärkung der Umweltpolitik. Er hob Vorschläge wie die Reform des UN-Klimaverhandlungsprozesses, die Schaffung eines Internationalen Umweltgerichtshofs und die Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung bei den Vereinten Nationen sowie eines Erdsystemrats als Teil eines strategischen Weges hervor.

Die Entwicklung des internationalen Rechts wurde von Maja Groff, Convenor der Climate Governance Commission und Mitautorin von Global Governance and the Emergence of Global Institutions for the 21st Century (2020), untersucht. Sie betonte die Notwendigkeit, das internationale System durch pragmatische und visionäre Verbesserungen, die sich auf die bestehenden institutionellen Grundlagen stützen, “wetterfest” zu machen.

Mathias Koenig-Archibugi von der London School of Economics, Autor von The Universal Republic: A Realistic Utopia? (2024), stützte sich auf Daten über die Nationalstaaten der Welt und bewertete die Überlebenschancen eines hypothetischen demokratischen globalen Gemeinwesens. Er war zwar vorsichtig, was die Wahrscheinlichkeit von dessen Entstehung angeht, stellte aber fest, dass die strukturellen Bedingungen für dessen Stabilität wahrscheinlich stärker sind als oft angenommen.

Die öffentliche Unterstützung für kosmopolitischere globale Institutionen war das Thema eines Vortrags von Farsan Ghassim, jetzt am University College Dublin. Er stellte internationale Umfragedaten vor, die zeigen, dass kosmopolitische Merkmale wie unabhängige Vertretung, Mehrheitsentscheidungen und substanzielle politische Befugnisse durchweg befürwortet werden.

Neue Horizonte der Global Governance

Der zweite Tag begann mit einem Überblick über den Regionalismus von Luis Cabrera, Professor an der Griffith University und Autor von The Humble Cosmopolitan: Rights, Diversity, and Trans-state Democracy (2020). Er argumentierte, dass regionale Integration ein Element für eine bessere Global Governance sein kann. Er zeigte, wie föderative Visionen in regionalen Prozessen Fuß fassen, wenn auch in unteschiedlichem Maß.

Die Herausforderungen im Bereich der globalen Gesundheit wurden von Josephine Borghi, Professorin an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, angesprochen. Sie forderte gerechtere und koordiniertere internationale Antworten auf transnationale Gesundheitsbedrohungen und wies auf das Potenzial eines Weltparlaments zur Stärkung solcher Bemühungen hin.

Die Notwendigkeit, die globale Erwärmung dringend anzugehen, war ein wiederkehrendes Thema. Auf dem Bild: ein schmelzender Gletscher. Foto: Shutterstock

Für James Bacchus, einen ehemaligen US-Kongressabgeordneten und WTO-Berufungsrichter und Autor von Democracy for a Sustainable World: The Path from the Pnyx (2025), ist eine demokratische Weltordnungspolitik die einzige praktikable Antwort auf die zunehmenden ökologischen und politischen Krisen. Er zog das Beispiel der antiken athenischen Demokratie heran, um für skalierbare partizipative Strukturen zu plädieren.

Nils Gilman, Chief Operating Officer des Berggruen Instituts und Mitautor von Children of a Modest Star (2023), schlug die Internationale Atomenergiebehörde als Modell für globale Institutionen vor, die eng fokussiert, technisch versiert und politisch akzeptabel sind.

Die Verwaltung des Weltraums und die Bedeutung der Weltraumforschung waren das Thema von Ian Crawford, dem Herausgeber von Expanding Worldviews: Astrobiology, Big History and Cosmic Perspectives (2021). Er argumentierte, dass diese Bereiche die Entwicklung politischer Institutionen erfordern, die legitimerweise für die Menschheit als Ganzes sprechen können. Sein Vortrag unterstrich die allgemeine Botschaft der Konferenz, dass globale Gemeingüter globale institutionelle Ansätze erfordern.

Die Notwendigkeit einer planetarischen Identität wurde von Stefan Pedersen von der University of Sussex diskutiert. Er argumentierte, dass die Loyalität gegenüber der Erde und nicht gegenüber einzelnen Nationalstaaten die fehlende kulturelle Grundlage für die politische Integration des Planeten sei. Er schlug eine neue politische Identität vor, die er Earthlings, also “Erdlinge”, nannte.

Weitere Rednerinnen und Redner waren Dorothea Christiana, United Peoples; Francisco Diego, University College London; Eva Erman, Universität Stockholm; Aaron McKeil, London School of Economics; Thomas Moynihan, Universität Cambridge; Heikki Patomäki, Universität Helsinki; Nikola Schmidt, Institut für Internationale Beziehungen in Prag; Ishaan Shah, Coalition for the UN We Need; Tiziana Stella, Streit Council; Clément Vidal, Freie Universität Brüssel; Gaia Vince, University College London; und Robert Whitfield, One World Trust.

Die breit gefächerten Diskussionen machten deutlich, dass es nicht an Ideen oder Fachwissen mangelt. Was wir vielmehr brauchen, ist politischer Wille und öffentliches Engagement. Was die langfristige Vision angeht, so herrschte Einigkeit darüber, dass jede Art von zukünftigem globalen Gemeinwesen auf den Prinzipien des Föderalismus und der Subsidiarität beruhen muss.

Die Konferenz fand vom 14. bis 15. August 2025 statt. Das Programm und die Zusammenfassungen finden Sie hier.